Stand der Dinge im April

Wir sind kein Opfer!

Im April mit Jorinde Wiese

TW: Sexualisierte Gewalt

Hallo zusammen! Ich bin Jorinde Wiese, Aktivist*in und Student*in. Ich war sehr lange ohne Worte über das, was mir passiert ist, über das, was die Gewalt mit mir gemacht hat und wie mich die erlebte Vergewaltigung bis heute begleitet. Ich hole mir seit ein paar Jahren die Worte zurück, die mir gefehlt haben, indem ich meine Geschichte und die von so vielen anderen Betroffenen sichtbar mache und über eine lustvolle, konsensuelle Sexualität aufkläre. Meine erste sexuelle Begegnung war sexualisierte Gewalt. In einem Workcamp in Dänemark missbrauchte ein Mann seine Macht und mein Vertrauen. Er ging über meine Unsicherheit hinweg ohne Rücksicht auf mein Einverständnis, das er nicht hatte, und vergewaltigte mich oral. Ich verdrängte viele Jahre, was passiert war, und konnte es erst dann nicht mehr ignorieren, als ich Flashbacks von damals bekam. Trauma verändert Menschen, traumatische Erlebnisse prägen Beziehungen zu Menschen und so weiß ich heute, dass meine Grenzen auch danach mehrmals überschritten wurden und zwar jedes Mal von Männern, denen ich eigentlich vertraut habe. Ohne Konsens ist es kein Sex, sondern Gewalt. Das weiß ich heute so genau, weil ich mittlerweile gelernt habe, was aktiver Konsens ist – und nein, es ist keine Unterschrift auf einem Einverständnisformular für Sex.

Als ich meine Geschichte zum ersten Mal erzählt habe, hatte ich keine Vorstellung davon, was ich lostreten würde. Ich wusste nicht, dass ich nur ein Jahr später weit über 200 andere Betroffene von sexualisierter Gewalt kennen würde, dass wir uns vernetzen würden, gemeinsame Projekte starten und die #MeToo Bewegung in Deutschland öffentlichkeitswirksam ins Rollen bringen würden, u. a. mit der Vereinsgründung von #metooGermany und der Social Media Kampagne #onlyYESmeansYES. Ich wusste nicht, dass ich an mehreren TV-Projekten und an einem Buchprojekt „UnSichtbar – Wir zeigen Gesicht“ teilnehmen würde und dass ich Nina Fuchs als eine meiner großen Vorbilder im echten Leben treffen würde. Den Fall von Nina Fuchs kannte ich nur von Artikeln und von ihrer Kampagne auf change.org. Als KO e.V. gegründet wurde, war für mich klar, dass ich Mitglied sein möchte.

Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass wir alle etwas mit unseren Geschichten im gesellschaftlichen Diskurs bewegen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Von einfach hat niemand gesprochen. Das Thema sexualisierte Gewalt ist kein leichtes Thema, aber ich möchte so viele Menschen ermutigen ihre Geschichten zu teilen, bis niemand mehr weghören kann. Es muss sich so vieles ändern! Die Strukturen in unserer Gesellschaft, die Gewalt begünstigen oder sogar verstärken, die Opfern eine Mitschuld oder die Schuld geben, sie nicht ernst nehmen und sie nicht schützen, müssen sich nachhaltig verändern. Ich möchte mit sehr vielen falschen Vorstellungen beim Thema sexualisierte Gewalt aufräumen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass mehrfach marginalisierte Menschen, das heißt BIPoC*, trans und nicht-binäre Menschen, sowie Menschen mit Behinderung am häufigsten von der Gewalt betroffen sind. Am wichtigsten ist mir zu sagen, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt nichts falsch gemacht haben. Wir tragen keine Schuld und keine Verantwortung! Und die Scham, sie gehört uns nicht. Ich wünsche mir ein Ende der Gewalt und eine Konsenskultur.

* Black, Indigenous and People of Colour – dt. Schwarze, Indigene und der Begriff People of Color wird nicht übersetzt