Stand der Dinge im April

Der Aufreger des Monats

#pinkygate

Mitte April ging ein ziemlich lauter Aufschrei durch alle feministischen Reihen. Was ist passiert? Zwei junge cis1 Männer, die sich bei der Bundeswehr kennengelernt hatten, haben bei der VOX-Sendung „Die Höhle der Löwen“ einen überteuerten pinken Einwegplastikhandschuh präsentiert, mit dem frau ganz diskret und hygienisch während ihrer Menstruation das Tampon aus ihrem Körper entfernen kann. Und sie haben für ihre geniale Erfindung, mit der sie ein Frauenproblem lösen wollten, von dem wir Frauen nicht einmal wussten, dass es ein Problem ist, sogar 30.000 Euro von einem – große Überraschung! – männlichen Investor bekommen. Aber warum genau haben wir uns alle so sehr darüber empört? Das hat viele Gründe. Angesichts der Klimakrise wird Nachhaltigkeit gerade sehr groß geschrieben, ein Einweghandschuh aus Plastik ist da nicht wirklich zeitgemäß, innovativ oder zielführend. Ein weiteres Problem ist der vergleichsweise hohe Preis des Produkts: Wir mussten lange dafür kämpfen, dass die Steuer auf Periodenprodukte auf 7 Prozent gesenkt wird und der nächste konsequente Schritt wären jetzt eigentlich kostenfreie Periodenprodukte, um der Periodenarmut entgegenzuwirken. Schätzungen zufolge sind ca. 100.000 Menstruierende in unserem Land von Periodenarmut betroffen.

Das nächste Problem ist die Farbe: Stichwort „Pink Tax“ (engl. für „Pink-Steuer“). Dieser Begriff bezeichnet das Phänomen, dass Frauen für etliche Pflegeprodukte (z. B. Rasierutensilien, Lotion, Parfüm) und Dienstleistungen (z. B. Friseur oder Textilreinigung) höhere Preise zahlen müssen als Männer, obwohl sich die Angebote inhaltlich kaum unterscheiden (Beispiel: budniCare MEN FRESH Rasierschaum Preis/100 ml: 0,36 EUR, budniCare Rasierschaum mit Aloe Vera Preis/100 ml: 0,53 EUR; Quelle: Verbraucherzentrale Hamburg). Die Aufschläge können laut einem aktuellen Marktcheck der Verbraucherzentrale Hamburg mehr als 100 Prozent betragen. Und hinzu kommt noch das sexistische Klischee, dass alle Frauen alles lieben, was pink und Glitzer ist. Ich kann euch versichern, dem ist nicht so!

Kommen wir nun aber zum größten Problem an der Sache. Es geht um die Reproduktion von Period-Shaming. Das bedeutet, dass unsere Menstruation als etwas dargestellt wird, wofür man sich schämen muss, das niemand mitbekommen darf und das unhygienisch und eklig ist. In vielen Religionen gelten Menschen während ihrer Menstruation als unrein und haben deshalb keinen Zugang zu Gebetsstätten. Bis ins 20. Jahrhundert hielt sich hartnäckig das Gerücht, Periodenblut sei giftig. Für viele Menschen ist die Stigmatisierung der Periode eine Realität, mit der sie jeden Monat leben müssen. Es wäre schön, wenn wir uns alle wieder darauf besinnen könnten, dass unser Fortbestehen auf diesem Planeten einzig und allein dem weiblichen Zyklus und der Menstruation zu verdanken ist. Sollten wir diesem wundervollen biologischen Phänomen, das in der Lage ist, neues Leben hervorzubringen, nicht vielleicht ein wenig mehr Achtung und Wertschätzung entgegenbringen? Nur mal so als Denkanstoß…

Aber das Traurigste an der ganzen Geschichte ist eigentlich, dass vor knapp zwei Jahren die Gründerinnen und Geschäftsführerinnen von Ooia, Kati Ernst und Kristine Zeller, auch bei „Die Höhle der Löwen“ waren und für ihre tolle nachhaltige Periodenunterwäsche leider keinen Deal bekommen haben. Aber dem Thema Investitionen für GründerINNEN widmen wir uns dann ein andermal.

1 „cis“ ist das lateinische Präfix für „auf dieser Seite, diesseits, binnen, innerhalb“. Cis bezeichnet jene, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren und das von der Gesellschaft als passend betrachtete biologische Geschlecht (Sex) von Ärzt*innen in die Geburtsurkunde eingetragen bekommen haben. Quelle: Missy Magazine